Titoni Airmaster 309

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watchhans18
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Titoni Airmaster 309

Beitrag von watchhans18 » 24 Aug 2021, 21:16

Da hatte ich, nach meinem Betrugsfall, auf den Kleinanzeigen der Bucht mal Glück.
Ich suchte schon länger nach einer Titoni Airmaster Automatik. Präsentierte sich dieses Modell doch als recht elegante Linie des Herstellers aus Grenchen. Diese Referenz stammt aus Anfang der 1980er Jahre.
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Der Verkäufer bot sie für einen sehr kleinen, zweistelligen Betrag an, mit dem Hinweis das sie kaputt sei.
Angeblich wäre die Stellwelle gebrochen und sie ließe sich nicht mehr stellen, nur noch etwas vorwärts, und wenn man sie etwas schüttelt, würde der Sekundenzeiger anfangen zu laufen.

Eine gebrochene Stellwelle?
Das glaubte ich nicht, da sie sich ja noch etwas bewegen ließe und letztendlich noch mit Originalkrone im Werk steckte.

In der Hoffnung, daß nicht allzuviel defekt sei, kaufte ich also die Katze im Sack.
Sehr gespannt öffnete ich den Schraubboden, welcher sich noch in gutem Zustand befindet, und erkannte sofort, daß der Winkelhebel nicht mehr an seinem Platz war, da an der Stelle, wo man mit passendem Schraubenzieher die Stellwelle entriegeln kann, nur noch ein Loch sichtbar war.

Der Rest des Werkes machte aber noch einen guten Eindruck. Die Unruh fing bei kleinsten Bewegungen an zu schwingen. Auch das Räderwerk saß sehr leichtgängig.
Die Automatik funktionierte auch noch einwandfrei. Also (hoffentlich) noch intakte Wechselräder.
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Die Rotorschraube saß bereits sehr locker und fiel mir bei der nun folgenden Demontage fast von selbst entgegen.

Nach dem Abnehmen des Zifferblattes und der Abdeckplättchen sah ich sofort das Dilemma.
Fast alle Teile des Aufzuges und der Stellvorrichtung saßen nicht mehr an ihrem Platz, daß Schiebetrieb hing schräg, der Stellhebel verlor sich auch irgendwo und der Winkelhebel hing neben seiner Montageposition.
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Zudem fiel mir sofort auf, daß die Federhausbrücke mit einem Streifenschliff versehen war, die Räderwerksbrücke und der Unruhkloben allerdings nicht.
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Hier wurde im Laufe der Geschichte dieser Uhr irgendwann mal zusammengebastelt, was eine Teilekiste wohl hergab.
Nach näherer Kontrolle und Vergleichen mit original ETA-Teilen stellte ich fest, daß wohl der gesamte Aufzug- und Stellbereich durch Teile eines Seagull ST2130 ersetzt wurde.
Diese sind zwar formidentisch, unterscheiden sich aber in den Abmessungen um wenige 10tel Millimeter.
Und schon rutschen die Teile bei stärkerer Belastung und nach einiger Zeit auseinander!

Kurzerhand entsorgte ich diesen Teil und ersetzte alles durch exakt passende Originalteile.
Und schon funktioniert es reibungslos!

Es würde mich nicht wundern, war doch dieses Modell für den chinesischen Markt vorgesehen.
Laut einer Markierung im Rückdeckel, welche mit einem Filzmarker aufgetragen wurde, fand eine letzte Reparatur oder Revision im Juni 2006 statt.
Wenigstens wurde der Deckel nicht mit eingekratzten Zeichen verunstaltet.
Ich habe zwar bei sehr alten Uhren nichts dagegen, erzählen diese Uhrmachermarkierungen doch sehr viel über die Servicehistorie.
Aber im Zeitalter moderner, sehr dünner Filzmarker heute nicht unbedingt erforderlich.
Lassen sich diese doch leicht bei der Reinigung entfernen und entsprechend durch neue Hinweise ersetzen.
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Sonst machte der Rest noch einen guten Eindruck. Auch die Funktion der Kalender- und Wochentagsstellung ist einwandfrei.

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Alles gereinigt, dazu eine neue Zugfeder, und fertig zum Zusammenbau.
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Die Wochentagsscheibe mit Chinesischer und Englischer Beschriftung.

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Das Zifferblatt zeigt eine sehr leichte Patina, die Zeiger polierte ich mit einer Lederfeile nach.
Das Spezialplexiglas, gehalten durch die Lünette, polierte ich etwas auf. Es zeigte keine tiefen Kratzer.

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Was man bei vielen alten Uhren leider nicht mehr findet, war hier noch vorhanden: die Originalkrone.

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Die Gangleistung entspricht nach meiner Revision einem neuen ETA 2836-2. Amplituden zwischen 290 - 310 Grad, kein Abfallfehler und momentan noch ein Vorlauf von ca. 15 Sekunden/Tag.
Meine finale Justage werde ich nach ca. 14 Tagen vornehmen.
Jedoch, um beim Schweizer Ausdruck zu bleiben, musste ich auch etwas nachregulieren, indem ich die Spirale leicht nachrichtete. Nur mit einem Verdrehen des Spiralklötzchens war es leider nicht getan. Hier kamen meine Spezialpinzetten zum Einsatz, um die Spirale leicht nachzubiegen.

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Eine wieder voll funktionsfähige Uhr der 80iger eines mir sehr sympathischen Familienunternehmens.
Verkauft wurde sie wahrscheinlich ursprünglich im Reich der Mitte. Jetzt wieder zurück in die (weitere) Nähe ihrer Geburt.
Zuletzt geändert von watchhans18 am 24 Aug 2021, 21:51, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Titoni Airmaster 309

Beitrag von MCG » 24 Aug 2021, 21:29

Toll! Danke für´s zeigen! :thumbsup: :D
LG aus Mostindien - Markus

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ChronoCop
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Re: Titoni Airmaster 309

Beitrag von ChronoCop » 25 Aug 2021, 08:18

Richtig spannend, wenn ein Fachmann eine Vintage ergattert und entsprechend eingreifen kann! Danke für den Report.
Brane

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Re: Titoni Airmaster 309

Beitrag von watchhans18 » 25 Aug 2021, 10:43

ChronoCop hat geschrieben:
25 Aug 2021, 08:18
Richtig spannend, wenn ein Fachmann eine Vintage ergattert und entsprechend eingreifen kann! Danke für den Report.
Brane
Vielen Dank!
Nun ja, Fachmann wäre vielleicht etwas übertrieben.
Eher fortgeschrittener Amateur. Alles andere wäre Anmaßung.
A propos ergattern: aber bei 20 Euro konnte ich wirklich nicht widerstehen. Selbst bei einem Totalschaden wäre allein die Platine soviel wert.
Leider sind Titoni-Uhren etwas unterbewertet. Denn die Verarbeitungsqualität allein dieses Exemplars ist sehr gut. Und das Werk "von der Stange" hat den Vorteil in Form von einem großen Ersatzteilangebot.
Zudem sind die Gangleistungen hervorragend.

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