Armbanduhren im Sommerloch: Immer nur alter Wein in neuen Schläuchen?

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mezdis
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Re: Armbanduhren im Sommerloch: Immer nur alter Wein in neuen Schläuchen?

Beitrag von mezdis » 18 Aug 2016, 13:41

ocean2000 hat geschrieben:Da gibt es kein Problem bei der Revision, die ist überhaupt nicht mehr möglich, da es keine Ersatzteile für Gehäuse und Band mehr gibt. Wo ist also der Vorteil im Vergleich mit Minibrands?
Zwei Vorteile:
1) Revision ist für mich nicht = Ersatzteile. Eine Revision braucht vermutlich in 99% der Fälle keine Ersatzteile für Gehäuse/Band. Falls man aber Ersatzteile braucht, so gebe ich dir Recht. Dann gibt es für diese Uhr keinen Vorteil gegenüber einem (nicht mehr existierenden) MIcrobrand.
2) Für die restlichen 999 Referenzen ist der Service (inkl. Ersatzteile für Gehäuse und Band) immer noch möglich.
___________
Gruss mezdis

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rank
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Re: Armbanduhren im Sommerloch: Immer nur alter Wein in neuen Schläuchen?

Beitrag von rank » 18 Aug 2016, 14:14

Bei aller Berechtigung des Themas Service/Revisionen etc. möchte ich zu Bedenken geben, das es, zumindest meiner bescheidenen Meinung nach, den Kern der vom Threadstarter aufgeworfenen Fragestellung nur am Rande berührt... :wink:
Gruß, Frank

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ocean2000
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Re: Armbanduhren im Sommerloch: Immer nur alter Wein in neuen Schläuchen?

Beitrag von ocean2000 » 18 Aug 2016, 14:48

rank hat geschrieben:Bei aller Berechtigung des Themas Service/Revisionen etc. möchte ich zu bedenken geben, dass es, zumindest meiner bescheidenen Meinung nach, den Kern der vom Threadstarter aufgeworfenen Fragestellung nur am Rande berührt... :wink:
Völlig korrekt, Asche auf mein Haupt... :wink:
Gruß aus Wien
Leon

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rank
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Re: Armbanduhren im Sommerloch: Immer nur alter Wein in neuen Schläuchen?

Beitrag von rank » 18 Aug 2016, 21:19

:wink: .......
Gruß, Frank

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dirk1503
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Re: Armbanduhren im Sommerloch: Immer nur alter Wein in neuen Schläuchen?

Beitrag von dirk1503 » 19 Aug 2016, 15:26

Guten Tag liebe Freunde der feinen Mechanik, der Faden muss wieder nach oben. ;-)

@Heinz-Jürgen:
Nomos rückt ebenfalls immer mehr in mein Blickfeld; habe vor einigen Monaten in Hamburg eine feine nachtblaue Zürich Weltzeit befingert. Wohl aufgrund Schaufensterlagerung war das Lederband partiell vollkommen ausgeblichen und der Juwelier faselt tatsächlich von "toller Vintageoptik". ;-)

@mezdis:
PS: Dass es bei großen Herstellern keine Innovation mit Leidenschaft gibt bestreite ich entschieden. Die Dimension der Innovation ist schlicht eine andere. Es geht dann weniger um eine einzelne Uhr als um "nachhaltige" Innovationen.
Erhöhung der Gangreserve, Siliziumspirale, hohe Magnetfeldresistenz, härtere Goldlegierungen, Tegimentierung, Saphir- statt Plexiglas, Keramiklünette, fräsen statt biegen und prägen für Armbandverschlüsse oder Trockenhaltetechnik sind für mich einfach nur zeitgemäßer Maschinenbau. Da mache ich den Schwergewichten auch keinen Vorwurf.

Auch ein Golf GTI war 1975 weitaus primitiver als das aktuelle Modell; trotzdem würden viele Autoenthusiasten wohl das alte Modell vorziehen.

Die Neuvorstellung vom hundertsten Chronographen, der fünfzigsten Mondphase oder der siebzehnten Weltzeituhr innerhalb der letzten drei Monate langweilt mich nur noch.

Individualisierung durch Modularisierung mit Built-to-Order, Mut zur Industrialisierung mechanischer Spezialitäten wie weiland Omega mit Co-Axial. Die Fertigungstechnik hat in den vergangenen dreißig Jahren doch gigantische Sprünge gemacht: Wann stellt IWC nach dem Doppelchronographen 3711 seine nächste spektakuläre neue Komplikation vor? Wann industrialisiert Breitling die Minutenrepetition? Wann partizipieren wir Uhrenenthusiasten?

@mezis:
Von den, konservativ geschätzt, 1000 verschiedenen Referenzen, welche IWC in den letzten 30 Jahren herausgebracht hat, hast du dann aber genau jene erwischt, welche problematisch zu revisionieren ist. Das Sprichwort mit der Ausnahme und der Regel erspare ich mir hier, bringt schließlich keinem Besitzer dieser Uhr etwas.
Und übrigens: Den Glauben kannst du mir nicht nehmen - bei mir geht es um Wissen ...
Sicher ermöglichen die Schwergewichte besseren Werterhalt als eine "Mikrobrand". Aber Vorsicht, nenne Dir gern Meilensteine, die nach dreißig Jahren vom Premiumhersteller nicht einmal mehr mit dem Arsch angeschaut werden. Beispielsweise mein Avatarbild. ;-)

Grüße aus dem sonnigen Weserbergland,
Dirk

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mezdis
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Re: Armbanduhren im Sommerloch: Immer nur alter Wein in neuen Schläuchen?

Beitrag von mezdis » 19 Aug 2016, 16:36

dirk1503 hat geschrieben:Wann stellt IWC nach dem Doppelchronographen 3711 seine nächste spektakuläre neue Komplikation vor?
Definiere "spektakulär"! :wink:
Ist für dich eine Komplikation spektakulär, wenn sie für uns durchschnittliche Sammler erschwinglich ist (wie der Doppelchrono)? Ansonsten kämen mir grad so spontan die Sidérale in den Sinn, das Konstantkrafttourbillon, der digitale Ewige Kalender und vielleicht noch der neue Timezoner (dessen Entwicklung zugegebenermassen nicht von IWC selbst ist). Im erschwinglichen Bereich z.B. das SafeDive System der neuen Aquatimer Serie, der Monopusher Chronograph in der Portofino Linie oder das 89361 Kaliber mit Flyback und Anzeige der Stoppzeit wie in einer normalen Uhr. Daneben gibt es noch eine Anzahl kleinerer Dinge wie z.B. Keramikklinken im Pellatonaufzug, neu auch mit Keramikrad oder Keramiklager.

dirk1503 hat geschrieben:Sicher ermöglichen die Schwergewichte besseren Werterhalt als eine "Mikrobrand". Aber Vorsicht, nenne Dir gern Meilensteine, die nach dreißig Jahren vom Premiumhersteller nicht einmal mehr mit dem Arsch angeschaut werden. Beispielsweise mein Avatarbild. ;-)
Da gebe ich dir Recht, aber das habe ich noch nie bestritten. Ich habe selber eine Uhr (https://forum.watchtime.ch/viewtopic.php?f=11&t=65827), von der es keine offiziell erhältlichen Ersatzteile für das Band mehr gibt.
___________
Gruss mezdis

Richard Habring
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Re: Armbanduhren im Sommerloch: Immer nur alter Wein in neuen Schläuchen?

Beitrag von Richard Habring » 20 Aug 2016, 12:26

Ich nehme jetzt mal das Thema "Servicierbarkeit" als Aufhänger um zum Kern des Threads zurückzuleiten:
Ich möchte Dir ja nicht den Glauben an die Möglichkeiten der großen Hersteller nehmen, aber versuch einmal z.B. für eine IWC ocean mit Bandgeometrie 2, die 30 Jahre auf dem Buckel hat, Ersatzteile für Gehäuse oder Titanband zu bekommen.
Entgegen der Darstellung "Große Firma garantiert Langzeitservice (im Sinne von Ersatzteilbereitstellung)" ist o.g. Beispiel ja nur eines von vielen. Ich würde mal - konservativ geschätzt - davon ausgehen das es nicht 99% der heute an der 30-Jahre-Marke kratzenden Uhren sind die noch gut serviciert werden können sondern gerade mal 50%. (Als Durchschnitt der Branche zu sehen - nicht von einzelnen Herstellern. Da wissen wir ja, dass es solche gibt welche es mit ET's auf lange Sicht etwas ernster nehmen als andere)

Das Beispiel der Ocean widerlegt aber auch sachlich das Argument "groß ist sicher". Warum?
Woran liegt's denn, dass es für diese eine (und noch ein paar andere aus der Linie und Zeit) nicht mehr gibt? Weil IWC verlernt hat Titan zu bearbeiten? :D
1. hat man im Laufe der Zeit gelernt, dass Titan zu weich ist um daraus langlebige Metallbänder zu machen.
2. Hat man sich bei den ersten Entwürfen von "Innovation" leiten lassen, "Innovation" in Sinne von: "wir machen jetzt mal was ganz anderes als bisher". Wie sich im Laufe der Zeit herausstellte vor diese Innovation dann nur eine "Scheininnovation" (dazu komm' ich später nochmal). Die letzte Bandgeometrie war letztlich das Maß der Dinge, illustrerweise technisch so gelöst wie Bänder gemacht wurden bevor die PD-Designer meinten die Uhrenbranche revolutionieren zu müssen. Leider hat die Beendigung der Partnerschaft PD/IWC dem Ganzen dann den Todesstoß gegeben.

Vom technischen mal abgesehen, was hindert IWC daran auch heute noch die benötigten Teile für's SAV herzustellen? Und da sind wir eben genau beim Thema "groß vs. klein":
Die machen das einfach aus monetären Gründen nicht. Der Aktionär hat nichts davon Teile herstellen zu lassen die dann zu Kulanzpreisen in alte Uhren eingebaut werden.
Man nimmt eher in Kauf in "einzelnen Fällen" eine schlechte Nachrede zu haben als sich dem Problem ernsthaft und langfristig anzunehmen.

Das sollte mal ein Kleiner machen! Wenn zu mir einer kommt und sagt "Sie haben mir vor 20 Jahren eine Uhr verkauft die heute nicht mehr reparierbar ist!" wird von mir sicher nicht die Antwort kommen "ist mir egal!" oder "Mein Aktionär will das nicht!" oder "Sie sind leider ein bedauerliches Einzelschicksal!". Dann nehm' ich die Uhr und reparier' sie, koste es (für mich als Hersteller!) was es wolle. Schlimmstenfalls - wenn alle Stricke reißen - wandle ich den ganzen Deal sogar noch nach so langer Zeit um den Kunden nicht zu verlieren. In Wahrheit ist es nämlich so, dass die kleinen Hersteller mit jedem Stück ihrer Produkte persönlich haften. Im Gegensatz zu den großen Herstellern geht es bei uns wie auch bei vielen anderen Kleinen ja nicht nur darum irgendjemandem eine Uhr zu verticken sondern davon auch leben zu können. Wie lange soll ich denn von meiner Arbeit leben und meine Familie ernähren wenn ich Leute beschei..e?

Die Garantie für Langzeit-Servicierbarkeit hat nichts mit der Größe des Herstellers zu tun sondern einzig mit der Art und Weise wie das Produkt gezeichnet und gebaut wurde. Beispiel: Wenn IWC der Ocean einen konventionellen Bandanstoß spendiert hätte, hätte man das Problem heute nicht. Selbst wenn es das dazu passende Titanband nicht mehr gäbe, ein Velcro findet sich noch immer am Zubehör-Markt. Würden die Hersteller nicht immer neuere Kronen-Geometrien und Formen/Materialkombinationen entwerfen (als Beispiel) dann könnte man die Uhren auch noch in vielen Jahren mit generischen Teilen abdichten. Warum Labeln wir z.B. unsere Kronen nicht, warum verwenden wir konventionelle Dichtsysteme? Damit unsere Produkte zukünftig nicht von uns abhängig sind und jeder einigermaßen ausgebildete Fachmann weltweit unsere Uhren zur Freude des Besitzers perfekt instand setzen kann (und dazu gehört vor allem Dichtheit)
Ansonsten kämen mir grad so spontan die Sidérale in den Sinn, das Konstantkrafttourbillon, der digitale Ewige Kalender und vielleicht noch der neue Timezoner (dessen Entwicklung zugegebenermassen nicht von IWC selbst ist). Im erschwinglichen Bereich z.B. das SafeDive System der neuen Aquatimer Serie, der Monopusher Chronograph in der Portofino Linie oder das 89361 Kaliber mit Flyback und Anzeige der Stoppzeit wie in einer normalen Uhr. Daneben gibt es noch eine Anzahl kleinerer Dinge wie z.B. Keramikklinken im Pellatonaufzug, neu auch mit Keramikrad oder Keramiklager.
Und damit sind wir beim Thema "Scheininnovation":
Die Liste oben ist da ein gutes Beispiel dafür. Da ist nichts dabei was nicht schon da war oder einen echten Vorteil gegenüber dem vorherigen technischen Stand bringt. Natürlich klingt "Keramikklinke" toll und "innovativ". Keine Frage. Braucht aber keiner, weder die Uhr um zu funktionieren noch deren Träger. Wenn ich mir aber 852/853er aus den 50er-Jahren ansehe dann sehen die darin verbauten CuBe-Klinken natürlich nicht mehr ganz taufrisch aus. Hey, nach über 50 Jahren? Selbst wenn ich die Dinger erodieren lassen würde kosten die wahrscheinlich noch immer weniger als die identen in Keramik. Mir geht's hier auch nicht darum die IWC zu bashen, als ehemaliger Mitarbeiter kenn' ich mich mit den Produkten halt ein wenig besser aus und erlaube mir durchaus eine kritische Meinung dazu.

Und damit bin ich beim eigentlichen Thread: Warum empfinden wir als Uhren-Fangemeinde (ich erlaub' mir mal mich auch dazuzuzählen, zumal es ja für mich Beruf und Leidenschaft vereint) die Entwicklungen der letzten Jahre als eher langweilig?

Weil die meisten - großen - Marken es sich leisten können Schein-Innovationen erfolgreich zu vermarkten. Das geht soweit, dass relativ banale Abfallprodukte anderer Branchen als Meilensteine in der Uhrentechnik angepriesen werden. Da gibt es Dinge die einzig und allein den Sinn und Zweck haben die menschliche Wertschöpfung (und damit Personalkosten) am mechanischen Uhrwerk zu reduzieren und alle klatschen brav und sagen "Wow, welch Innovation". Vorerst. Die wachsende kritische Zurückhaltung vieler Märkte spüren wir ja gerade alle. Die Industrie hat einfach den Bogen überspannt (heiße Luft immer teurer zu verkaufen) und erntet jetzt die Früchte dafür. Schauen wir einfach mal was kommt wenn wir die Talsohle mal erreicht haben. Für die "Kleinen" mache ich mir wenig Sorgen. Die werden das gut durchtauchen, schließlich hängt ihre Existenz dran. Bei einigen "Großen" bin ich mir nicht sicher ob da nicht irgendwann der Investor den Stecker zieht wenn nicht nur - wie aktuell - die Gewinne ausbleiben sondern darüber hinaus Verluste entstehen. Dann wird's lustig mit Service. Die Herren Rupert, Arnault, Pinault, Biver und Hayek (um nur einige zu nennen) werden dann aber nicht an die Haustür gehen wenn einer klingelt weil seine Uhr nicht mehr funktioniert.

beste Grüße
Richard
"Ich würd' es wieder tun!" Udo Jürgens

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Albert H. Potter
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Re: Armbanduhren im Sommerloch: Immer nur alter Wein in neuen Schläuchen?

Beitrag von Albert H. Potter » 20 Aug 2016, 13:57

Danke Richard, super geschrieben!
Die Vielfalt der Uhren und Werke hat im Vergleich zu den 80er und frühen 90er Jahren sicher zugenommen, aber nicht die Anzahl origineller Ideen.
Die Preise sind selbst bei soliden Herstellern abgehauen, da auch die Zulieferer kräftig zulangen.
Heute gönne ich mir nur noch selten einen Schaufensterbummel, wenn dann sehe ich nichts, was ich haben will - nicht nur bei Uhren.
Die neuen Preise haben eine neuen kleineren Kundenkreis erschlossen, bzw. ein teil des früheren Kundenkreises wurde ausgeschlossen - die Marken werden halt exklusiver.
Das wäre noch nicht das Problem, denn als Uhrmacher könnte ich mir fast jedes Modell extrem günstig besorgen lassen, zu Einkaufsbedingungen, die sie sonst vielleicht noch ein Grauhändler hat.
Aber das Design würde dem Geschmack des neuen Kundenkreises angepaßt und gefällt mir nicht mehr. Selbst Rolex, die ja den Gipfel der Zurückhaltung in Sachen Designänderungen darstellen, verunstaltetet die Gehäuseproportionen durch das Größenwachstum und hat mit dem beschrifteten Höhenring ein Detail eingeführt, welches für mich alleine schon ausreicht von den neuen Modellen Abstand zu nehmen.
Von "Big Bang" und "Rums Bums"-Style ganz zu schweigen.


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Re: Armbanduhren im Sommerloch: Immer nur alter Wein in neuen Schläuchen?

Beitrag von rank » 20 Aug 2016, 15:11

An dieser Stelle würde ich gerne meine durchaus ernst gemeinte Frage wiederholen, welches denn die bahnbrechenden Innovationen der großen Hersteller in den 50er/60er/70er Jahren gewesen sind. Waren das weniger "Scheininnovationen" als heute? Gab es tatsächlich "Revolution" statt "Evolution"? Was war es, das diese Zeiten für einige der Vorposter spannend gemacht hat? Die Frage ist nicht ketzerisch gemeint. Von den Antworten erhoffe ich mir eine Erweiterung meiner doch sehr bescheidenen Kenntnisse der Uhrenhistorie.
Gruß, Frank

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Re: Armbanduhren im Sommerloch: Immer nur alter Wein in neuen Schläuchen?

Beitrag von jeannie » 20 Aug 2016, 16:48

rank hat geschrieben:An dieser Stelle würde ich gerne meine durchaus ernst gemeinte Frage wiederholen, welches denn die bahnbrechenden Innovationen der großen Hersteller in den 50er/60er/70er Jahren gewesen sind. Waren das weniger "Scheininnovationen" als heute? Gab es tatsächlich "Revolution" statt "Evolution"? Was war es, das diese Zeiten für einige der Vorposter spannend gemacht hat? Die Frage ist nicht ketzerisch gemeint. Von den Antworten erhoffe ich mir eine Erweiterung meiner doch sehr bescheidenen Kenntnisse der Uhrenhistorie.
Was verstehst du unter "bahnbrechenden Innovationen"?

Also in meinen Augen ist das zum Beispiel die Federunruh. Die hat tragbare Uhren ermöglicht. Ist aber auch schon eine Weile her. Solche Sachen gibts aber nur alle paar dreihundert Jahre. Nachher kommt nur noch "Evolution".

Bei den Autos gabs in den letzten 100 Jahren auch keine solchen, sie fahren immer noch auf vier Rädern und verpuffen Benzin.

Immerhin gabs bei Uhren ab den Sechzigern elektrischen Antrieb, der sich weitgehend durchgesetzt hat. Und bei den Autos? :whistling:
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Re: Armbanduhren im Sommerloch: Immer nur alter Wein in neuen Schläuchen?

Beitrag von MCG » 20 Aug 2016, 16:55

Das ist es ja eben! In den 50/60/70-ties wars nicht besser! Ebenso preislich wars ev nicht besser, wenn man die damaligen Einkommen mit in Betracht zieht.

Es ist ein 1. Welt Problem: Übersättigung! :wink:


Aber im Nachhinein wars natürlich früher immer besser... :mrgreen:
LG aus Mostindien - Markus

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Re: Armbanduhren im Sommerloch: Immer nur alter Wein in neuen Schläuchen?

Beitrag von walter » 20 Aug 2016, 17:07

Naja, Mitte des letzten Jahrhunderts wurde die Rotor-automatik eingeführt, die Uhren wurden endlich richtig dicht und Edelstahl ersetzte flächig die ollen Messinggehäuse.
Das waren schon richtige Meilensteine.
Daß derartige "big-points " nicht mehr jeden Tag passieren liegt in der Natur der Sache.
Marketingmässig wurde das übrigens genau ausgeweidet wie heute. War nur medial anders und im wesentlichen auf die Printmedien begrenzt. Schaut Euch mal alte Anzeigen an...da wurde auch kräftig auf den Putz gehauen :D

Walter

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Re: Armbanduhren im Sommerloch: Immer nur alter Wein in neuen Schläuchen?

Beitrag von rank » 20 Aug 2016, 17:42

MCG hat geschrieben:Das ist es ja eben! In den 50/60/70-ties wars nicht besser! Ebenso preislich wars ev nicht besser, wenn man die damaligen Einkommen mit in Betracht zieht.

Es ist ein 1. Welt Problem: Übersättigung! :wink:


Aber im Nachhinein wars natürlich früher immer besser... :mrgreen:
Da hast Du das, was ich eben auch annehme, sehr gut ausgedrückt. Nur ist eben nicht jeder übersättigt. Vielleicht macht es auch einen Unterschied, ob sich jemand seit 30 oder "erst" seit 10 Jahren für Uhren interessiert. Die Frage ist natürlich auch, wo sich früher so intensiv ausgetauscht wurde, wie heute in Foren. Gab es da dieses (hier bei einigen abgeflaute) große Interesse an Neuerscheinungen überhaupt so, wie wir es heute erleben? Waren da dann die Neuerscheinungen tatsächlich spannender als heute?
jeannie hat geschrieben:
Was verstehst du unter "bahnbrechenden Innovationen"?
Das, was früher alles besser gemacht hat.. :wink:
Gruß, Frank

Richard Habring
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Re: Armbanduhren im Sommerloch: Immer nur alter Wein in neuen Schläuchen?

Beitrag von Richard Habring » 20 Aug 2016, 18:44

An dieser Stelle würde ich gerne meine durchaus ernst gemeinte Frage wiederholen, welches denn die bahnbrechenden Innovationen der großen Hersteller in den 50er/60er/70er Jahren gewesen sind. Waren das weniger "Scheininnovationen" als heute? Gab es tatsächlich "Revolution" statt "Evolution"
Auf meiner persönlichen Liste würde da unter anderem stehen:

30er Jahre bis 50er Jahre: Monometallunruh mit autokompensierender Spirale (der Grundstein für die heute erzielbare Präzision) und Stoßsicherungen
50er Jahre: zuverlässig funktionierende automatische Aufzüge
Ende 60er/Anfang 70er Jahre: robuste automatische Chronographen
Die ganze Zeit über: Verfeinerung der Metallurgie

Die Coaxial-Hemmung war sicher ein Durchbruch in Hinblick auf Fertigungstechnik und Minimierung von Toleranzen. Sie hat aber in der Praxis keinen Nutzen gegenüber der konventionellen Hemmung gebracht da sie ölfrei nicht dauerhaft funktionierte (so wie's ursprünglich geplant war).

Für mich persönlich gehören zu der Liste auch noch z.B. eine Da Vinci von 1985 oder eine Grande Complication von 1990. Beide bis zu dem Zeitpunkt nicht in der Art und Weise und vor allem zu den Preisen dagewesen.

Für mich kam der Knick etwa Mitte der 90er wo man einfach an den Grenzen der Physik ankam. Mehr Präzision war nicht mehr zu holen, komplizierter geht's auch nicht mehr wenn's auch noch dauerhaft funktionieren soll. Da meinte man dann - mangels Ideen und Möglichkeiten - bereits bei der Entwicklung der Produkte das Marketing mitreden lassen zu müssen. Das führte dazu, dass - insbesonders im industriellen Bereich - heute vielerorts schlicht die Leidenschaft fehlt bei der Produktentwicklung. Das Marketing sagt vereinfacht: "Macht uns was, was wir verkaufen können! Soll wenig kosten aber maximalen Gewinn bringen!" Ich werde nie den Spruch eines Vertreters einer der ganz großen HH-Marken vergessen als der mal in einem persönlichen Gespräch sagte: "Ich weiß das Ding funktioniert nicht richtig aber Sie müssen doch zugeben, dass es trotzdem 'ne geile Uhr ist!" Häh......?

Was war früher besser? Früher haben mehr Menschen an den Uhren gearbeitet, nicht nur in der Montage sondern auch im Fertigungsprozess. Arbeitszeit und deren Kosten spielte keine so große Rolle wie heute. Das sieht man an den Werken und den Uhren. Händler haben Uhren verkauft von denen sie überzeugt waren und selbst trugen, nicht solche welche mehr Gewinn versprachen oder idealerweise nur über den Tresen gereicht werden müssen weil der Kunde von der Werbung schon so weichgekocht ist, dass er meint unbedingt die gleiche Uhr haben zu müssen wie XYZ. Früher wurden Uhren gekauft, nicht Marken. Die Marke war lediglich ein Name oder allfällig eine Art Garantie für Qualität.

Stellt Euch vor es gibt einen großen bedeutenden bildenden Künstler der schon zu Lebzeiten zur Legende wird. Und als er stirbt übernehmen einige seiner Schüler (jene die's nicht selbst zu was gebracht haben)und machen in seinem Namen einfach weiter Bilder in seinem Stil und mit seinen (vermeintlichen) Visionen zu malen. Und wenn's bei der Technik nicht reicht nutzen sie moderne Technologien des Drucks etc. Ich mein, wieviel ist denn dann noch in so einem Kunstwerk an Kunst des Künstlers drin?

Gruß
Richard
"Ich würd' es wieder tun!" Udo Jürgens

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