Das Prestige des Manufakturkalibers

Allgemeine Diskussionen rund um zeitgenössische Uhren
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Hertie
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Das Prestige des Manufakturkalibers

Beitrag von Hertie » 25 Jan 2019, 01:08

Da das Thema im IWC-Thread wieder diskutiert wurde :

Ich sammle seit 32 Jahren Uhren und kam eigentlich interessensmäßig ursprünglich vom Inneren nach Aussen. Sprich, ich war viel mehr den Werken zugetan als der Verpackung. Daher war auch jeder vergammelte und verchromte Flohmarktticker mit den unterschiedlichsten Kalibern interessant.

Dann kam irgendwann Ende der 90er die Ära des großen Markengeschwurbels, welches zumindest ich vorher nicht so arg wahrgenommen habe.
Und irgendwann später zählten dann nur mehr Uhren mit "Manufakturkaliber" als hochwertige Ticker und ETA war ziemlich Bähh, sodass im erlauchtem Kreise die Träger dieser "Standardwerke" milde als Einsteiger angesehen, und solche Uhren -auch von mir- nur mehr sehr bedingt als interessant wahrgenommen wurden.

Also ging der Trend eben zu den luxuriöseren Tickern mit Manufakturkalibern, von denen ich mengenmäßig ziemlich viel durchnahm und -ausgenommen Patek- von den einigermaßen bezahlbaren Marken nicht viel ausgelassen habe.

Aber irgendwann kam der Punkt, an welchem sich die gerne verdrängte Frage nicht mehr abschütteln ließ, und die im IWC-Thread angesprochen wurde : was ist Manufaktur eigentlich ?
Aber vor allem die zentralste aller zentralen Fragen, was bringt es mir als Kunden für einen Nutzen ?

Die Unternehmen forschen jahrelang an neuen Kalibern und überschlagen sich mit hochtrabenden Neuerungen und ständigen Verbesserungen.
Nur das Problem dabei, was kommt bei mir an ?

Eine Dreizeigeruhr, ob die 1500.- Euro ETA-Certina oder die 15000.- Euro Audemars laufen recht ähnlich.
Es sind jeweils drei Zeiger und die drehen sich halbwegs vernünftig im Kreis.

Und wenn sie es eines Tages nicht mehr tun, gehe ich mit ersterer zum nächsten Uhrmacher, der sie mir für -in Anbetracht des Neupreises natürlich teure- 300 Euro wieder in Gang setzt, während ich, wenn ich Pech habe, von AP eine Rechnung von 2000.- Euro präsentiert bekomme.
Von Mehrwert des Manufakturwerks also keinerlei Spur, im Gegenteil. Periodisch ein extremer Kostenfaktor ohne dafür auch nur die geringste bessere oder längere Leistung erbracht zu haben.
Kein Vergleich mit einem Dacia, welcher eben in den meisten Belangen schlechter als ein Mercedes abschneidet und dafür logischerweise viel billiger ist, haben im Uhrensektor die Günstige und die horrend Teure die selbe Leistung erbracht.

Also wenn das Manufakturwerk weder besser noch länger servicefrei läuft und schon gar nicht einfacher oder billiger zu servicieren ist, wo ist der Mehrwert ?

O.k. unter dem Glasboden sieht so ein Werk natürlich weitaus edler aus und ist es von der Bearbeitung und vom Aufwand natürlich auch, aber da sind wir dann im reinen Prestigebereich, welcher mit der Leistung des Uhrenmotors nichts zu tun hat.
Rein technisch betrachtet und nur um das geht es mir, hat es für mich als Kunden aber nur Nachteile.

Alles wird lt. Uhrenhersteller immer besser, es wird geforscht und die Komponenten immer hochwertiger, aber als Kunde profitiere ich nicht davon.

Die Ganggenauigkeit ist bei ETA und Manufaktur die selbe, wobei meine eigenen Erfahrungen zusammengefasst hierbei eindeutig zugunsten von ETA ausfallen.
Auch die Serviceintervalle bleiben in der Regel die selben, mit dem Unterschied, dass diese bei den Uhren welche ja um so viel besser als die anderen sein sollen, überraschenderweise immer kostspieliger werden.

Fazit ist : der technische Faktor wird von den Unternehmen komplett überbewertet dargestellt, um einen Luxusgegenstand teuer verkaufen zu können. Es geht eben eben nicht um den technischen Fortschritt sondern um Prestige . Und auch dem Konsument ausserhalb solcher Foren geht es rein um nix anderes als um Prestige und Design der Uhren. Was da im Inneren tickt, interessiert im realen Leben kaum jemand.
Ausser das bei diesen Preisen natürlich die besten der besten Uhrmacher sämtliche Komponenten in mühevoller Laubsägearbeit fertigen und bis zur letzten einzelnen Schraube händisch zusammensetzen.

Also Manufaktur = Prestige ohne technischen Nutzen

Kann natürlich sein, dass ich das Thema nach einer guten Flasche Rotwein und dem Lesen des IWC-Neuheiten-Threads etwas zu emotional sehe, man möge mir die wirren und langen Zeilen nachsehen. So, Kopfweh...gute Nacht. :mrgreen: :whistling:
...Grüße von leider einem der letzten Tauschwütigen mit Hans-im-Glück -Syndrom

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Mechanik-Fan
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Re: Das Prestige des Manufakturkalibers

Beitrag von Mechanik-Fan » 25 Jan 2019, 02:25

Das sehe ich ganz genau so. Mehrwert hat man eigentlich nicht. Die ETA-Werke und die auf den ETA-Werken beruhenden Umbauten laufen im Allgemeinen erstklassig.

Schlimm ist bei den Manufakturwerken vor allem, dass sie zur Wartung/Reparatur heute fast ausschließlich heim zu Mutti müssen und nicht mal eben um die Ecke gewartet werden können. Neben extrem hohen Kosten für Service/Reparatur beim Hersteller kommt noch die ganze Hin- und Herschickerei hinzu und i. d. R. dauert die Reparatur/der Service beim Hersteller im Gegensatz zum Uhrmacher um die Ecke exorbitant lang. Kommt die Uhr vom Hersteller zurück und läuft immer noch nicht vernünftig, geht das ganze Spiel von vorne los.

Mein 1120er von Omega läuft auch nach 19 Jahren noch wie eine Eins, ist bisher zwei Mal beim Freien um die Ecke (früher Omega-Konzessionär) gewartet worden. Gewechselt wurden in den 19 Jahren bisher insgesamt nur die Dichtungen und einmal die Krone (beides im Rahmen eines Services). Letztere ebenfalls wegen Undichtigkeit. Alle anderen Teile sind immer noch die ersten. Ich hab bei Auftragserteilung immer darum gebeten, mir sämtlichen ausgetauschten Teile in einem Tütchen mit zu geben. Musste die Uhr nach der Revision nachreguliert werden, bin ich da immer ohne Termin hin und konnte nach max. 10 Minuten ohne einen Obolus abdrücken zu müssen, den Laden mit der nachregulierten Uhr wieder verlassen. Außerhalb des Services hat die Uhr noch nie einen Uhrmacher gesehen, d .h. sie war noch nie kaputt, und dass bei 24/7.

Auch die heutige Mode, pausenlos neue Zifferblätter oder Zeiger für teuer Geld austauschen zu müssen, ist meiner Meinung nach reine Geldmacherei, ggf. abgesehen von Tritium-Blättern und -zeigern.

Gruß, Mechanik-Fan
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Heinz-Jürgen
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Re: Das Prestige des Manufakturkalibers

Beitrag von Heinz-Jürgen » 25 Jan 2019, 06:43

Dein Fazit, Hertie: :thumbsup:

Ich glaube, die Diskussion wird von den Aficionados in allen Bereichen geführt. Ob Klamotten, HiFi, Autos, you name it. Der Mitsubishi kann 10 Jahre hintereinander in der ADAC Pannenstatistik besser abschneiden als der Daimler. Bei der Masse wird er den Daimler im Ansehen nie überholen.

Und „mehr Schein als Sein“ wird oft genug bewiesen. Zum Beispiel, wenn die ach so trainierten Weinkenner bei der Blindverkostung einen Rioja vom Lidl nicht von einem Gran Reserva für den zehnfachen Preis unterscheiden können und nach der Auflösung begründen, warum der teurere trotzdem „besser“ ist. :wink:
Grüße aus dem Pott

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Re: Das Prestige des Manufakturkalibers

Beitrag von baghipapa » 25 Jan 2019, 07:47

Bei Dreizeigeruhren ist die Definition „besser“ schwer zu differenzieren.
Der Funktionsumfang einer Uhr ist sehr begrenzt. Zeit anzeigen kann man in kurzer Zeit prüfen. Der Rest kann nur bei länger Tragedauer geprüft und erlebt werden.

Das ist bei Autos etwas anders, das ist die Anzahl der Kriterien höher. Je höher diese Anzahl, desto einfacher die Differenzierung.

Bei Uhren ist das Problem, dass das Marketinggeschwurbel so abgehoben über das Ziel hinausschießt. Dadurch denkt man vielleicht, das Manufakturding muss gigantische Dinge vollbringen. Aber es zeigt nur die Zeit an...

Der spektakuläre Weinvergleich klappt auch immer nur deshalb, weil die meisten Wein eindimensional beurteilen: schmeckt oder nicht.
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Heinz-Jürgen
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Re: Das Prestige des Manufakturkalibers

Beitrag von Heinz-Jürgen » 25 Jan 2019, 09:12

baghipapa hat geschrieben:
25 Jan 2019, 07:47

Das ist bei Autos etwas anders, das ist die Anzahl der Kriterien höher. Je höher diese Anzahl, desto einfacher die Differenzierung.
Ernsthaft jetzt? Ich glaube, da tun sich Autos und Uhren nicht viel. Jedenfalls nicht für diejenigen, die sich nicht damit beschäftigen.

Hertie ging es, wenn ich ihn richtig verstanden habe, darum, dass Uhrenhersteller Prestige durch Marketinggeschwurbel erzielen wollen und die Zielgruppe ehrfürchtig erstarren soll, egal ob sie nun wissen, warum eine Silizium-Spirale "High-End" ist oder nicht. "Co-Axial" hört sich auch geil an...
Dann noch eine schöne Story drumherumgestrickt und der Laie staunt und der Fachmann wundert sich nicht.
Grüße aus dem Pott

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cool runnings
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Re: Das Prestige des Manufakturkalibers

Beitrag von cool runnings » 25 Jan 2019, 09:47

@Hertie: :thumbsup:

Hugybear
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Re: Das Prestige des Manufakturkalibers

Beitrag von Hugybear » 25 Jan 2019, 12:05

Hertie hat geschrieben:
25 Jan 2019, 01:08
Da das Thema im IWC-Thread wieder diskutiert wurde :

Ich sammle seit 32 Jahren Uhren und kam eigentlich interessensmäßig ursprünglich vom Inneren nach Aussen. Sprich, ich war viel mehr den Werken zugetan als der Verpackung. Daher war auch jeder vergammelte und verchromte Flohmarktticker mit den unterschiedlichsten Kalibern interessant.

Fazit ist : der technische Faktor wird von den Unternehmen komplett überbewertet dargestellt, um einen Luxusgegenstand teuer verkaufen zu können. Es geht eben eben nicht um den technischen Fortschritt sondern um Prestige . Und auch dem Konsument ausserhalb solcher Foren geht es rein um nix anderes als um Prestige und Design der Uhren. Was da im Inneren tickt, interessiert im realen Leben kaum jemand.
Ausser das bei diesen Preisen natürlich die besten der besten Uhrmacher sämtliche Komponenten in mühevoller Laubsägearbeit fertigen und bis zur letzten einzelnen Schraube händisch zusammensetzen.

Also Manufaktur = Prestige ohne technischen Nutzen

Kann natürlich sein, dass ich das Thema nach einer guten Flasche Rotwein und dem Lesen des IWC-Neuheiten-Threads etwas zu emotional sehe, man möge mir die wirren und langen Zeilen nachsehen. So, Kopfweh...gute Nacht. :mrgreen: :whistling:

Dem kann ich nicht wirklich viel hinzufügen. Das Besondere und Seltene hatte halt schon immer seinen Preis. Der objektive Nutzen ist nicht wirklich höher, aber deshalb treffen wir uns wohl kaum hier, oder habe ich da was nicht verstanden?
Es hat aus rationaler Sicht schon was leicht Perverses, was Uhrenfirmen/Werkbauer an technischem Aufwand bei mechanischen Uhrwerken treiben, um die Gangwerte zu verbessern. Koaxial, Tourbillon und anderen Schuppidu: Ein temperaturkompensiertes Quartzwerk wie ein Precidrive oder eine solar geladene Batterie in einer Junghans Milano Mega Solar mit Funkabgleich mit der Cäsium-Referenzuhr in Braunschweig können das um Zehnerpotenzen besser. Aber so eine Unruhe hat halt etwas Hypnotisierendes! :D
Ich ticke immer richtig, manchmal aber anders

C.95
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Re: Das Prestige des Manufakturkalibers

Beitrag von C.95 » 25 Jan 2019, 14:22

Gute Idee, dieses Thema von dem IWC Thread zu lösen und neu zu starten, auch wenn hier MANUFAKTUR "gemacht" werden soll und der IWC Thread mit INHOUSE gestartet ist. Es wurde kritisch, weil eine Definition zu Inhouse fehlt ?!

Manufaktur ist Liebhaberei, genau so wie diverse andere sammelwürdige Dinge, die nicht zwingend notwendig sind. Und Manufaktur ist Luxus, also teuer.

Technische Vorteile habe ich nie von Manufaktur Uhren erwartet, nur lange Wartezeiten, wenn es Probleme gibt.

Ist aber egal, weil es lediglich Liebhaberei ist, wie viele andere Hobbys.

Die Uhrzeit ist heute omnipräsent und warum überhaupt noch mechanische Uhren, wenn elektronische Zeitanzeiger viel präziser und sehr viel billiger sind.

Ein Grund ist, weil es Spaß macht, sich mit Mechanik und der Geschichte der Entwicklung zu beschäftigen und noch mehr Spaß, je näher die real vorhandene Mechanik am Ursprung der Entwicklung ist.

Warum beschäftigen sich einige Menschen z.B. mit alten Bildern, versunkenen Kulturen oder mit alten Büchern, wahrscheinlich aus sehr ähnlicher Motivation.

Also, Manufaktur ist etwas authentisches, in das sehr viel Aufwand investiert wurde und das macht es interessanter als gestanzte Teile, die von Automaten zu einem tickenden Teil zusammengebaut werden.

Tatsächlich bin ich überwiegend auf Manufaktur in TUn umgeschwenkt, denn ich trage eh keine teuren Uhren am Arm spazieren.

Manufakturen in Form alter Uhren, egal ob TU oder Armband sind Kunstwerke aus einer vergangenen Zeit.

Beste Grüße

Heiko

r.as.
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Re: Das Prestige des Manufakturkalibers

Beitrag von r.as. » 25 Jan 2019, 16:19

Sehe ich auch so!

Und bzgl. der hier primär diskutierten "Allerweltsuhren" bin ich mittlerweile ein Anhänger von Großserienkalibern mit möglichst geringem Anteil an Manufaktur, weil diese Werke, statistisch gesehen, im Mittel zuverlässiger sind (je weniger manuelle Eingriffe erforderlich sind, desto "besser).

In meinen Träumen taucht immer wieder der von der Frau am WE verprügelte Uhrmacher auf, wie er am Montagmorgen frustriert ein Federhaus in die Platine dengelt... :D

Rolf

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o.v.e
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Re: Das Prestige des Manufakturkalibers

Beitrag von o.v.e » 25 Jan 2019, 18:12

Danke, Hertie!
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Gyromaxi
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Re: Das Prestige des Manufakturkalibers

Beitrag von Gyromaxi » 25 Jan 2019, 18:39

Ich sehe das so: In der Zeit, wo auch sehr bekannte Marken wie Omega, Panerei, Breitling,.. fast ausschließlich Eta Werke verwendeten, waren diese Uhren für mich völlig uninteressant. Weil in ein Gehäuse mit einen prominenten Namen, ein Werk von der Stange um ein paar Euro einzubauen, um dann einen Mörderpreis zu verlangen, war für mich keine besondere Leistung, welche diesen Preis rechtfertigte. Jetzt aber, wo jede dieser Marken, viel Geld und Hirnschmalz in die Entwicklung eigener Werke steckt und die Marken daher wirklich verschieden sind, ja jetzt erst sind diese Marken auch für mich interessant und auch der Preis ist für mich daher gerechtfertigt. Leistung muss eben bezahlt werden!

Gruß Felix

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Frano
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Re: Das Prestige des Manufakturkalibers

Beitrag von Frano » 25 Jan 2019, 18:46

Hertie hat geschrieben:
25 Jan 2019, 01:08
Da das Thema im IWC-Thread wieder diskutiert wurde :

Ich sammle seit 32 Jahren Uhren und kam eigentlich interessensmäßig ursprünglich vom Inneren nach Aussen. Sprich, ich war viel mehr den Werken zugetan als der Verpackung. Daher war auch jeder vergammelte und verchromte Flohmarktticker mit den unterschiedlichsten Kalibern interessant.

Dann kam irgendwann Ende der 90er die Ära des großen Markengeschwurbels, welches zumindest ich vorher nicht so arg wahrgenommen habe.
Und irgendwann später zählten dann nur mehr Uhren mit "Manufakturkaliber" als hochwertige Ticker und ETA war ziemlich Bähh, sodass im erlauchtem Kreise die Träger dieser "Standardwerke" milde als Einsteiger angesehen, und solche Uhren -auch von mir- nur mehr sehr bedingt als interessant wahrgenommen wurden.

Also ging der Trend eben zu den luxuriöseren Tickern mit Manufakturkalibern, von denen ich mengenmäßig ziemlich viel durchnahm und -ausgenommen Patek- von den einigermaßen bezahlbaren Marken nicht viel ausgelassen habe.

Aber irgendwann kam der Punkt, an welchem sich die gerne verdrängte Frage nicht mehr abschütteln ließ, und die im IWC-Thread angesprochen wurde : was ist Manufaktur eigentlich ?
Aber vor allem die zentralste aller zentralen Fragen, was bringt es mir als Kunden für einen Nutzen ?

Die Unternehmen forschen jahrelang an neuen Kalibern und überschlagen sich mit hochtrabenden Neuerungen und ständigen Verbesserungen.
Nur das Problem dabei, was kommt bei mir an ?

Eine Dreizeigeruhr, ob die 1500.- Euro ETA-Certina oder die 15000.- Euro Audemars laufen recht ähnlich.
Es sind jeweils drei Zeiger und die drehen sich halbwegs vernünftig im Kreis.

Und wenn sie es eines Tages nicht mehr tun, gehe ich mit ersterer zum nächsten Uhrmacher, der sie mir für -in Anbetracht des Neupreises natürlich teure- 300 Euro wieder in Gang setzt, während ich, wenn ich Pech habe, von AP eine Rechnung von 2000.- Euro präsentiert bekomme.
Von Mehrwert des Manufakturwerks also keinerlei Spur, im Gegenteil. Periodisch ein extremer Kostenfaktor ohne dafür auch nur die geringste bessere oder längere Leistung erbracht zu haben.
Kein Vergleich mit einem Dacia, welcher eben in den meisten Belangen schlechter als ein Mercedes abschneidet und dafür logischerweise viel billiger ist, haben im Uhrensektor die Günstige und die horrend Teure die selbe Leistung erbracht.

Also wenn das Manufakturwerk weder besser noch länger servicefrei läuft und schon gar nicht einfacher oder billiger zu servicieren ist, wo ist der Mehrwert ?

O.k. unter dem Glasboden sieht so ein Werk natürlich weitaus edler aus und ist es von der Bearbeitung und vom Aufwand natürlich auch, aber da sind wir dann im reinen Prestigebereich, welcher mit der Leistung des Uhrenmotors nichts zu tun hat.
Rein technisch betrachtet und nur um das geht es mir, hat es für mich als Kunden aber nur Nachteile.

Alles wird lt. Uhrenhersteller immer besser, es wird geforscht und die Komponenten immer hochwertiger, aber als Kunde profitiere ich nicht davon.

Die Ganggenauigkeit ist bei ETA und Manufaktur die selbe, wobei meine eigenen Erfahrungen zusammengefasst hierbei eindeutig zugunsten von ETA ausfallen.
Auch die Serviceintervalle bleiben in der Regel die selben, mit dem Unterschied, dass diese bei den Uhren welche ja um so viel besser als die anderen sein sollen, überraschenderweise immer kostspieliger werden.

Fazit ist : der technische Faktor wird von den Unternehmen komplett überbewertet dargestellt, um einen Luxusgegenstand teuer verkaufen zu können. Es geht eben eben nicht um den technischen Fortschritt sondern um Prestige . Und auch dem Konsument ausserhalb solcher Foren geht es rein um nix anderes als um Prestige und Design der Uhren. Was da im Inneren tickt, interessiert im realen Leben kaum jemand.
Ausser das bei diesen Preisen natürlich die besten der besten Uhrmacher sämtliche Komponenten in mühevoller Laubsägearbeit fertigen und bis zur letzten einzelnen Schraube händisch zusammensetzen.

Also Manufaktur = Prestige ohne technischen Nutzen

Kann natürlich sein, dass ich das Thema nach einer guten Flasche Rotwein und dem Lesen des IWC-Neuheiten-Threads etwas zu emotional sehe, man möge mir die wirren und langen Zeilen nachsehen. So, Kopfweh...gute Nacht. :mrgreen: :whistling:

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Re: Das Prestige des Manufakturkalibers

Beitrag von Don Tomaso » 28 Jan 2019, 21:09

In Zeiten global kostenoptimierter Lieferketten und daraus resultierender Anonymität der gefertigten Produkte ist es für mich schon ein (gefühlter) Mehrwert, wenn eine Uhr oder ein anderes Gut in seinen wesentlichen Bestandteilen von einer Firma gefertigt wurde, idealerweise sogar speziell für mich. Ich erwarte deshalb nicht, dass die Funktion wesentlich dadurch verbessert wird, das wäre naiv. Ich sehe aber im Umkehrschluss auch nicht, dass das Einheits-Großserienkaliber notwendigerweise die allseits bessere Wahl ist.
Gruss

Thomas

Regional Engineer for Destructive Operations

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Re: Das Prestige des Manufakturkalibers

Beitrag von möhne » 29 Jan 2019, 10:04

Frano hat geschrieben:
25 Jan 2019, 18:46
Hertie hat geschrieben:
25 Jan 2019, 01:08
Da das Thema im IWC-Thread wieder diskutiert wurde :

Ich sammle seit 32 Jahren Uhren und kam eigentlich interessensmäßig ursprünglich vom Inneren nach Aussen. Sprich, ich war viel mehr den Werken zugetan als der Verpackung. Daher war auch jeder vergammelte und verchromte Flohmarktticker mit den unterschiedlichsten Kalibern interessant.

Dann kam irgendwann Ende der 90er die Ära des großen Markengeschwurbels, welches zumindest ich vorher nicht so arg wahrgenommen habe.
Und irgendwann später zählten dann nur mehr Uhren mit "Manufakturkaliber" als hochwertige Ticker und ETA war ziemlich Bähh, sodass im erlauchtem Kreise die Träger dieser "Standardwerke" milde als Einsteiger angesehen, und solche Uhren -auch von mir- nur mehr sehr bedingt als interessant wahrgenommen wurden.

Also ging der Trend eben zu den luxuriöseren Tickern mit Manufakturkalibern, von denen ich mengenmäßig ziemlich viel durchnahm und -ausgenommen Patek- von den einigermaßen bezahlbaren Marken nicht viel ausgelassen habe.

Aber irgendwann kam der Punkt, an welchem sich die gerne verdrängte Frage nicht mehr abschütteln ließ, und die im IWC-Thread angesprochen wurde : was ist Manufaktur eigentlich ?
Aber vor allem die zentralste aller zentralen Fragen, was bringt es mir als Kunden für einen Nutzen ?

Die Unternehmen forschen jahrelang an neuen Kalibern und überschlagen sich mit hochtrabenden Neuerungen und ständigen Verbesserungen.
Nur das Problem dabei, was kommt bei mir an ?

Eine Dreizeigeruhr, ob die 1500.- Euro ETA-Certina oder die 15000.- Euro Audemars laufen recht ähnlich.
Es sind jeweils drei Zeiger und die drehen sich halbwegs vernünftig im Kreis.

Und wenn sie es eines Tages nicht mehr tun, gehe ich mit ersterer zum nächsten Uhrmacher, der sie mir für -in Anbetracht des Neupreises natürlich teure- 300 Euro wieder in Gang setzt, während ich, wenn ich Pech habe, von AP eine Rechnung von 2000.- Euro präsentiert bekomme.
Von Mehrwert des Manufakturwerks also keinerlei Spur, im Gegenteil. Periodisch ein extremer Kostenfaktor ohne dafür auch nur die geringste bessere oder längere Leistung erbracht zu haben.
Kein Vergleich mit einem Dacia, welcher eben in den meisten Belangen schlechter als ein Mercedes abschneidet und dafür logischerweise viel billiger ist, haben im Uhrensektor die Günstige und die horrend Teure die selbe Leistung erbracht.

Also wenn das Manufakturwerk weder besser noch länger servicefrei läuft und schon gar nicht einfacher oder billiger zu servicieren ist, wo ist der Mehrwert ?

O.k. unter dem Glasboden sieht so ein Werk natürlich weitaus edler aus und ist es von der Bearbeitung und vom Aufwand natürlich auch, aber da sind wir dann im reinen Prestigebereich, welcher mit der Leistung des Uhrenmotors nichts zu tun hat.
Rein technisch betrachtet und nur um das geht es mir, hat es für mich als Kunden aber nur Nachteile.

Alles wird lt. Uhrenhersteller immer besser, es wird geforscht und die Komponenten immer hochwertiger, aber als Kunde profitiere ich nicht davon.

Die Ganggenauigkeit ist bei ETA und Manufaktur die selbe, wobei meine eigenen Erfahrungen zusammengefasst hierbei eindeutig zugunsten von ETA ausfallen.
Auch die Serviceintervalle bleiben in der Regel die selben, mit dem Unterschied, dass diese bei den Uhren welche ja um so viel besser als die anderen sein sollen, überraschenderweise immer kostspieliger werden.

Fazit ist : der technische Faktor wird von den Unternehmen komplett überbewertet dargestellt, um einen Luxusgegenstand teuer verkaufen zu können. Es geht eben eben nicht um den technischen Fortschritt sondern um Prestige . Und auch dem Konsument ausserhalb solcher Foren geht es rein um nix anderes als um Prestige und Design der Uhren. Was da im Inneren tickt, interessiert im realen Leben kaum jemand.
Ausser das bei diesen Preisen natürlich die besten der besten Uhrmacher sämtliche Komponenten in mühevoller Laubsägearbeit fertigen und bis zur letzten einzelnen Schraube händisch zusammensetzen.

Also Manufaktur = Prestige ohne technischen Nutzen

Kann natürlich sein, dass ich das Thema nach einer guten Flasche Rotwein und dem Lesen des IWC-Neuheiten-Threads etwas zu emotional sehe, man möge mir die wirren und langen Zeilen nachsehen. So, Kopfweh...gute Nacht. :mrgreen: :whistling:

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Definitiv!
Inhaltlich bin ich da ganz bei Hertie. :D

Gruß!


Klaus

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tapsa911
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Re: Das Prestige des Manufakturkalibers

Beitrag von tapsa911 » 29 Jan 2019, 14:56

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Gruß
:wink:
Stephan
Durch Ehrlichkeit kannst du mehr beleidigen als durch Lügen.
(Jan Fedder, Schauspieler)

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