Frage an die Uhrmacher: Reglage in Lagen

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SteveMcQueen
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Frage an die Uhrmacher: Reglage in Lagen

Beitrag von SteveMcQueen » 19 Nov 2019, 21:01

Liebe WTF-Kollegen,

Ich habe mich kürzlich für eine Uhr aus dem Hause Epos interessiert (Modell 3442, siehe https://www.epos.ch/portfolio-item/epos ... ve-3442-1/).

Vor Bestellung habe ich nachgefragt, in welcher Qualitätsstufe das ETA 2824 verbaut und in wie vielen Lagen die Uhr auf welche mittlere Gangabweichung reguliert wird.

Die Antwort hat mich überrascht: Elaboré, zwei Lagen, von 0 bis 20 Sekunden mittlere Gangabweichung. Das Werk selbst wird als Elaboré von ETA “ab Werk“ in drei Lagen auf +/- 7 Sekunden mittlere Gangabweichung reguliert ausgeliefert.

Epos teilte mir mit, dass man meinen besonderen Wunsch hin die Uhr ausnahmsweise gerne in drei Lagen regulieren könne.

Ist es in dieser Preislage tatsächlich normal, lediglich in zwei Lagen und mit solchen Toleranzen zu regulieren? :?:
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MCG
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Re: Frage an die Uhrmacher: Reglage in Lagen

Beitrag von MCG » 19 Nov 2019, 21:53

Ich bin kein Uhrmacher, aber offensichtlich kommen die Werke schon ab „Haus“ in genügend guter Réglage an, so dass bei Epos nur noch „kontrolliert“ bzw nachgestellt werden muss... 🤷🏼‍♂️
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Albert H. Potter
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Re: Frage an die Uhrmacher: Reglage in Lagen

Beitrag von Albert H. Potter » 20 Nov 2019, 17:13

Das ist wie eine Frage an Radio Eriwan. Und die haben geantwortet.

Zwischen den Zeilen gelesen, kann man sagen, daß man dort wohl nach dem Einschalen einer hochwertigen Werkqualität noch einmal reguliert.
Man möchte aber keine Gangleistungen garantieren.
Sicher werden die Uhren besser laufen, als angegeben.
Das Angebot mit den drei Lagen finde ich witzig. Es kommt entweder von einem Vertiebler ohne Ahnung, oder von einem Uhrmacher mit Humor.
Du solltest in jedem Fall fragen, ob es möglich ist, daß Du Dir die drei Lagen aussuchen darfst. Customizing at its best!

Generell gibt es drei Phasen der Reglage.
1. Sicherstellen eines konstanten Kraftflusses von der Zugfeder bis zur Unruh, Verminderung der Reibung und Kraftverlußte, inklusive einer gut eingestellten Hemmung. Eine ausreichende Schwingungsweite sollte sichergestellt sein.

2. Manipulation der Unruh. Die Unruh ist ein Masse/Federsystem, welches genau aufeinander abgestimmt sein will.
Gelagert ist die Unruh mit ihren Zapfen in den Unruhlagern.
In den Lagen Zifferblatt oben bzw ZB unten (den liegenden Lagen), hat die Unruh die geringste Lagerreibung (= geringster Kraftverlußt = geringster Verlußt der Schwingungsweite), da eigentlich nur das Ende des Unruhzapfens auf dem flachen Deckstein der Unruh aufsitzt und reibt..
In den hängenden Lage (Krone oben, Krone Rechts, Krone unten und Krone links), steht die Unruh nicht auf der Zapfenspitze, sondern hängt mit seinen Zapfen in den Lochsteinen, was eine erhöhte Reibung bedeutet (und geringere Amplitude).
Wenn von einer Reglage in 2 Lagen die Rede ist, dann meint man liegend und hängend.
Will man die hängenden Lagen richtig einstellen, kommt es darauf an Schwerpunktfehler der Unruh zu bekämpfen (in den liegenden Lagen wirken sich Schwerpunktfehler nicht oder kaum aus).
Dem Schwerpunktfehler kommt man bei, indem man den Unruhreif auswurchtet. Das macht heute eine Maschine ganz automatisch auf das millionstel Gramm genau. Hier kann der Uhrmacher nicht mehr viel machen.
Auch die Spirale kann eine Unwucht erzeugen. Hier kommt es auf die richtige Zentrierung an (Endkurven, Breguetspirale, etc.).
Die ETA -Werke haben eine sehr gute Einstellmöglichkeit für diese Reglage-Phase. Am Rücker und am Spiralklötzchenträger sind kleine, drehbare Ansätze, mit denen man die Unruhspirale durch minimales Verdrehen mittels eines speziellen Regulierwerkzeugs manipulieren kann.
Man kann das Spiel der Spirale im Rückeschlüssel (zwischen den "Rückerstiften") erweitern oder verengen.
Am Spiralkötzchenträger kann man das äußere Spiralende etwas weiter nach Außen oder Innen drehen und damit für eine präzise Zentrierung sorgen.
Das ist die Reglage der Lagen. Man hat damit die Streuung minimiert. Die Uhr kann dabei aber immer noch stark vor-oder nachgehen.

3. Hier kommt die Reglage, die vorgenommen wird, wenn man die Uhr zum Nachregulieren zum Uhrmacher bringt.
Hier geht es nur noch um die Position von Rücker und Spiralklötzchenträger in Winkel zueinander und zur Hemmung.
Die Position des Spiralklötzchenträgers definiert die Position der Unruh zur Hemmung. Hier geht es um den Abfallfehler, das Abfallen der Mittellage der Unruh zur Mittellage des Ankers (der Hemmung). Der Abfallfehler kostet Kraft (Auslösearbeit der Unruh an der Hemmung) und verringert daher die Amplitude. Das Gangbild auf der Gangwaage zeigt den Abfallfehler als eine Doppellinie. Für die ETA-Werke lautet die Toleranz für den Abfallfehler 0,8ms. Es ist aber kein Problem den Abfallfehler an diesen Werken deutlich unter 0,3ms zu regulieren.
Ganz am Ende steht das Verstellen des Rückers, um das Gangbild mit seiner in Phase 2 voreingestellten Streuung in Richtung Null zu drehen. Auf der Gangwaage sollte dann im Idealfall eine waagerechte Linie sein. Man manipuliert hier also nicht eine Lage, sondern die fixe Streuung aller Lagen.

An der Feinreguliereinrichtung der ETA-Werke muß man dafür nicht herumdrehen. Die Bleibt auf Null gestell und dient mehr als Kontrolle, ob da jemand mal schnell herumgedreht hat.

Peter

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Re: Frage an die Uhrmacher: Reglage in Lagen

Beitrag von MCG » 20 Nov 2019, 18:51

Albert H. Potter hat geschrieben:
20 Nov 2019, 17:13
Edit Modi: Vollzitat gekürzt...

An der Feinreguliereinrichtung der ETA-Werke muß man dafür nicht herumdrehen. Die Bleibt auf Null gestell und dient mehr als Kontrolle, ob da jemand mal schnell herumgedreht hat.

Peter

Danke für Deine Einsichten! 👍🏻
Deine letzten beiden Sätze finde ich ebenfalls bemerkenswert (bis verstörend) ... 😅
LG aus Mostindien - Markus

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Re: Frage an die Uhrmacher: Reglage in Lagen

Beitrag von SteveMcQueen » 20 Nov 2019, 19:04

Vielen Dank für die sehr umfangreiche Antwort. Tatsächlich ging es mir um die Frage, ob und wie die Streuung über wie viele Lagen minimiert wird.

Da aber „Radio Eriwan“ (laut Vetriebsinnendienst von Epos mittlerweile in „Chef-Uhrmacher“ umbenannt) geantwortet hat, werde ich erstmal die Finger von Produkten aus dem Hause Epos lassen. :wink:
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Re: Frage an die Uhrmacher: Reglage in Lagen

Beitrag von Albert H. Potter » 20 Nov 2019, 20:14

Wieso verstörend?
Der eigentliche Rücker ist ein Teil und die Feinverstellung ist ein zweites. Beide sind konzentrisch um das Unruhlager auf den Kloben geklemmt.
Durch diese Klemmung reiben beide aneinander. Man kann an dem Exzenter drehen, muß es aber nicht. Man könnte diese Teile ohne Funktionsverlußt weglassen. Nun sind aber Feinverstellungen seit jeher beim Publikum ein Zeichen für Präzision, ob überflüssig oder nicht.

Beim ETA 2824 und 2892 sind Teile der Reguliereinrichtungen von der Automatik-Baugruppe verdeckt.
Diese muß dann zum Regulieren abgenommen werden.
(Sehr vorbildlich der ETA-Umbau Omega 1120 und folgende mit neuer Automatik und voll zugänglicher Unruh.)
Da ist es für viele interessant schnell am Exzenter (oder bei manchen 2824 am Rückerzeiger) zu drehen.
Ich habe den Exzenter immer erst einmal in die Nullposition gedreht und dan mit dem Regulieren angefangen.
Ein kleines Detail: ETA-Sekundenstopp-Hebel sind nur eingelegt und werden von der Automatikbrücke in Position gehalten.
Baut man die Brücke ab, kann der Hebel herausfallen.
Wir haben mal für einen Kollegen das Mikrophon seiner Gangwaage repariert. Im Klemmbereich des Mikros kamen über 20 dieser Stopp-Hebel zum Vorschein (und ein paar INCAs)......

Wenn der Exzenter auf Süd-Südwest steht, ist das ein klares Zeichen, daß da einer dran war.

Einen Punkt zum Regulieren habe ich noch nicht erwähnt, da es bei den monometallischen Unruhen moderner Armbanduhren nicht mehr vorkommt:
Reglage der Temperaturen.
Heute ist das eine Frage der Werk/Unruh-Qualität. Die besseren Unruhen sind kaum noch anfällig für Temperaturschwankungen.
Qualtität Elaboré alles bestens.
Früher sah das anders aus. Für die Temperaturen hatte man Bimetall-Unruhen, deren aufgeschnittene Arme sich mit der Temperaturänderung nach Innen oder Außen wölbten. Am äußeren Rand des Unruhreifs waren Schrauben eingedreht. Man unterscheidet Gewichts- und Regulierschrauben.
Regulierschrauben kann man nach Innen oder Außen drehen um den Gang zu ändern. Wir kennen das heute noch, zB bei der Rolex-Unruh.
Die Gewichtsschrauben hatten zwei Funktionen. Mit ihnen konnte man die Unruh auswuchten (Schwerpunktfehler beseitigen, um Lagenfehler (hängend) zu verringern).
Man benötigte die Schrauben aber auch, um die Kompensationswirkung des Unruhreifs zu definieren. Sitzen viele Schrauben eng beieinander, dann kann die Bimetall-Wirkung an dieser Stelle nicht einsetzen.
Wenige Schrauben deuten also auf ein gutes Temperaturverhalten des rohen Unrureifs hin. Man spart überflüssiges Gewicht.
Die Herstellung der Unruhen war damals schon eine Wissenschaft.

Das nur zur Ergänzung.

Richard Habring
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Re: Frage an die Uhrmacher: Reglage in Lagen

Beitrag von Richard Habring » 21 Nov 2019, 11:32

SteveMcQueen hat geschrieben:
20 Nov 2019, 19:04
Vielen Dank für die sehr umfangreiche Antwort. Tatsächlich ging es mir um die Frage, ob und wie die Streuung über wie viele Lagen minimiert wird.
…..
Die Streuung über die (ins besonders hängenden) Lagen wird bei diesen Werken schon lange nicht mehr korrigiert.
Die Unruhen werden maschinell gewuchtet (innerhalb des erwähnten Spektrums - 0 bis 20s) und dann mittels Rücker (Vorgang/Nachgang des Mittels) und Rückerschlüssel (Angleichung der hängenden an die flachen Lagen) so "eingestellt", dass der tägliche Gang (ZO/ZU und z.B. KU) innerhalb des angestrebten Spektrums ist.
Eine "Feinreglage" wie sie in den 80ern/90ern z.B. den ETA's bei IWC zuteil wurde fängt dann erst an.
dynamisches Wuchten der Unruh und noch besseres angleichen der hängenden an die Zifferblattlagen um das Gesamt-Delta so klein wie möglich zu kriegen.

beste Grüße
Richard
"Ich würd' es wieder tun!" Udo Jürgens

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Re: Frage an die Uhrmacher: Reglage in Lagen

Beitrag von SteveMcQueen » 21 Nov 2019, 11:39

Richard Habring hat geschrieben:
21 Nov 2019, 11:32
Eine "Feinreglage" wie sie in den 80ern/90ern z.B. den ETA's bei IWC zuteil wurde fängt dann erst an.
Ich bin auch in anderen Dingen in den 80ern / 90ern hängen geblieben. :whistling: Und sollte besser keine Uhr ohne eine solche Feinreglage kaufen, würde nur mit Enttäuschungen enden.

Die paar ETAs, die ich habe, sind entweder Chronometer oder von Tudor, Stowa usw. überarbeitet / feinreguliert. Bei Stowa hat übrigens die Bitte in der Bestellung, die Reglage in fünf Lagen vorzunehmen, gereicht - war kein Problem und nicht mal aufpreispflichtig.
Mit Uhren ist es wie mit Menschen: Manche sind Orginale, andere bleiben zeitlebens nur eine Kopie. - Horrido, Steffen.

Richard Habring
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Re: Frage an die Uhrmacher: Reglage in Lagen

Beitrag von Richard Habring » 21 Nov 2019, 14:16

SteveMcQueen hat geschrieben:
21 Nov 2019, 11:39
Richard Habring hat geschrieben:
21 Nov 2019, 11:32
Eine "Feinreglage" wie sie in den 80ern/90ern z.B. den ETA's bei IWC zuteil wurde fängt dann erst an.
Ich bin auch in anderen Dingen in den 80ern / 90ern hängen geblieben. :whistling: Und sollte besser keine Uhr ohne eine solche Feinreglage kaufen, würde nur mit Enttäuschungen enden.

Die paar ETAs, die ich habe, sind entweder Chronometer oder von Tudor, Stowa usw. überarbeitet / feinreguliert. Bei Stowa hat übrigens die Bitte in der Bestellung, die Reglage in fünf Lagen vorzunehmen, gereicht - war kein Problem und nicht mal aufpreispflichtig.
Lass sie halt von einem Spezialisten noch nachträglich "tunen".
"Ich würd' es wieder tun!" Udo Jürgens

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Re: Frage an die Uhrmacher: Reglage in Lagen

Beitrag von SteveMcQueen » 21 Nov 2019, 19:04

Richard Habring hat geschrieben:
21 Nov 2019, 14:16
Lass sie halt von einem Spezialisten noch nachträglich "tunen".
Dann kann ich auch gleich ein paar EUR mehr ausgeben. Ich hänge emotional nicht an der Epos, mir gefällt einfach nur die Kombination aus grün und orange.
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