Schraubenunruh - Vor- und Nachteile?

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Guntram
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Schraubenunruh - Vor- und Nachteile?

Beitrag von Guntram » 01 Aug 2010, 08:17

Während ich mir in diesem Forum ein paar Bilder von Vintage-Uhren anschaue, scheint es mir, dass die Schraubenunruh offenbar früher stärker verbreitet war als heute. Und dabei kommen mir folgende Fragen...

Hat eine Schraubenunruh technische Vor- bzw. Nachteile gegenüber einer "ungeschraubten", oder ist sie einfach nur "anders"?

Falls die Beobachtung richtig wäre, dass das Prinzip früher häufiger verwendet wurde als heute - woran liegt das wohl? Braucht man heute keine Schrauben mehr, weil die Fertigungstoleranzen einer normalen Unruh hinreichend sind? Oder ist die Reglage ohne Schrauben einfacher, weshalb "die gemeine Schraubenunruh anfürsich" dem globalen Wachstumstrend horologischer Legasthenie zum Opfer fällt? Oder was?

Mit der Suche-Funktion bin ich nicht weitergekommen... könnte mir hier vielleicht jemand weiterhelfen?

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Don Tomaso
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Re: Schraubenunruh - Vor- und Nachteile?

Beitrag von Don Tomaso » 01 Aug 2010, 11:20

Moin Guntram, ich bin sicher kein Experte, aber so wie ich es verstehe, dienten diese Schrauben früher dem Auswuchten der Unruh, nicht der Reglage. Du findest Schraubenunruhen ja auch in Uhren mit Rückerreglage. Dieses Auswuchten wird heute viel präziser durch Abtragen mit dem Laser gemacht, die Schrauben sind bei manchen Werken nur noch Verzierung.
Etwas anderes sind Regulierschrauben auf dem Unruhreif, etwa das Microstella- oder das Gyromax-System für freischwingende Spiralen. Gebräuchlich ist ferner auch die Reglage mit "Masselotte"-Gewichten
Gruss

Thomas

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Guntram
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Re: Schraubenunruh - Vor- und Nachteile?

Beitrag von Guntram » 01 Aug 2010, 11:39

Zunächst mal danke für die Antwort! Jetzt komme ich erst recht ins Grübeln...

Wo ist der Unterschied zwischen "Schraubenunruh" und "Regulierschrauben auf dem Unruhreif"?

Wenn ich von "Schraubenunruh" spreche, meine ich zum Beispiel sowas:

Bild
(c) Olof a.k.a. o.v.e

Aber wenn ich Dich nun richtig verstehe, dann handelt es sich dabei um Regulierschrauben auf dem Unruhreif?

Anschlussfrage: Mit der Rückerreglage hast Du natürlich recht - aber sind Rücker und "Schrauben zum Einstellen der Unruh-Pendel-Geschwindigkeit" nicht eigentlich redundante Systeme, weil beide gleichermaßen zum Einstellen von "schneller" oder "langsamer" dienen?

Wow... jetzt treibe ich mich schon so lange in Uhrenforen rum, aber davon hab' ich echt keinen Schimmer... danke für die Aufklärung!

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Ralf
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Re: Schraubenunruh - Vor- und Nachteile?

Beitrag von Ralf » 01 Aug 2010, 12:08

Guntram hat geschrieben:...
Wo ist der Unterschied zwischen "Schraubenunruh" und "Regulierschrauben auf dem Unruhreif"?

Wenn ich von "Schraubenunruh" spreche, meine ich zum Beispiel sowas:

Bild
(c) Olof a.k.a. o.v.e

Aber wenn ich Dich nun richtig verstehe, dann handelt es sich dabei um Regulierschrauben auf dem Unruhreif?
...
Das im Bild sind Schrauben zum "Auswuchten". Etwas genauer gesagt, damit wird der Schwerpunkt in die Rotationsachse geschoben. Der Gang wird in den vier hängen Lagen gemessen (wichtig: bei knapp unter 180° Amplitude), dann wird in der Lage, in der sie am schnellsten rennt (grösster Vorgang) entweder unten das unterste Schräubchen nach innen oder das oberste Schräubchen nach aussen gedreht.

Das Ganze wird solange wiederholt, bis die Abweichungen gering genug sind. Dann wird der Gang selber mittels des Rückers eingestellt.

Regulierschrauben dagegen sind üblicherweise "wenige". Gyromax mit 8, wie bei Patek Philippe, ist schon so das Maximum. Hier wird das Trägheitsmoment geändert, in dem paarweise die Zusatzmassen nach innen oder nach aussen verschoben werden, nach innen wird der Gang schneller, nach aussen langsamer.

P.S.:
Das man mittlerweile auch "Showschraubenunruhen" findet, per Abtrag gewuchtete Unruhen mit Schrauben, die rein optisch den Eindruck "alt" erwecken sollen, ist dem Marketing als Luxusprodukt zu danken. Hab selber eine Armbanduhr, skelettiertes Unitas 6497, mit sowas, da passt es optisch halt gut hin.
Man liest sich!

Ralf

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Re: Schraubenunruh - Vor- und Nachteile?

Beitrag von Guntram » 01 Aug 2010, 13:30

:idea: Die "Reglage-Schrauben" verändern demnach den Vor- bzw. Nachgang insgesamt (a.k.a. Gang), während die "Unwucht-Austarier-Schrauben" der Regulierung in den einzelnen Lagen (vulgo Ganggenauigkeit) dienen.

Eine Unruh mit "Unwucht-Austarier-Schrauben" nennt man auch Schraubenunruh. Eine Uhr mit Reglage-Schrauben hat keinen speziellen Namen, in dem das Wort "Unruh" vorkommt. Stattdessen spricht man nur z.B. von Gyromax- oder Microstella-Reglage.

Danke für die Erläuterung! :D

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Re: Schraubenunruh - Vor- und Nachteile?

Beitrag von Ralf » 01 Aug 2010, 14:34

Guntram hat geschrieben::idea: Die "Reglage-Schrauben" verändern demnach den Vor- bzw. Nachgang insgesamt (a.k.a. Gang), während die "Unwucht-Austarier-Schrauben" der Regulierung in den einzelnen Lagen (vulgo Ganggenauigkeit) dienen. ...
Ja, es hat schon sein Grund, wenn ich immer mal wieder darauf hinweise, dass >Gang< und >Ganggenauigkeit< zwei unterschiedlich Sachen sind, die man nicht durcheinander bringen soll. :wink:
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Ralf

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Re: Schraubenunruh - Vor- und Nachteile?

Beitrag von Roland Ranfft » 01 Aug 2010, 15:10

Moin Guntram,

das mit den Schrauben ist eine lange Geschichte.

Als man die Möglichkeit erkannt hatte, daß man die Temperaturabhängigkeit eines Unruhsystems mit einer bimetallischen Unruh kompensieren kann, stieß man schnell auf die Unzulänglichkeit der schnöden Praxis gegeüber der schönen Theorie: Die bimetallische Unruh war nicht so gut reproduzierbar, daß man auf Einstellmöglichlkeiten verzichten konnte. Dieses Bild einer steinalten Chronometer-Unruh verdeutlicht es:

Bild

Mit der Justierschraube A kann man die Freuenz des Unruhsystems einstellen. Gelangt der Schwerpunkt der Schraube weiter nach außen, wird's halt langsamer. Dazu findet man mehrere dieser Schrauben auf dem Reif, meist vier bei einer zweiarmigen Unruh (hier drei, weil es eine dreiarmige Unruh ist). So kann man mit diesen Schrauben A nicht nur die Frequenz selbst einstellen, sondern auch die Unwucht der Unruh, also Lagefehler korrigieren.

Das Gewicht B ist auf dem bimetallischen Unruharm verschiebbar. Damit kann man den Einfluß der Temperatur auf die Frequenz einstellen, ohne die Frequenz selbst zu beeinflussen. Je weiter man das Gewicht in Richtung Ende des bimetallischen Arms schiebt, umso mehr Einfluß hat die Temperatur auf das Trägheitsmoment der Unruh, und damit auf die Frequenz.

Die Einstellmöglichkeit C lassen wir mal weg. Sie ist der ultimative Luxus und man sieht sowas so selten, daß man nicht wissen muß, wofür es gut ist.

Der nächste Schritt ist in diesem Bild zu sehen:

Bild

Hier erkennt man links unten in der Nähe der Speiche eine Schraube, deren Kopf nicht auf dem Unruhreif sitzt. Davon gibt es bei dieser Unruh vier, und wer genau guckt findet drei davon - die vierte ist verdeckt. Diese Schrauben haben die Funktion wie im ersten Bild für A beschrieben. Das Gewinde klemmt etwas, damit die Schrauben sich nicht von allein verstellen.

Die Funktion der verschiebbaren Gewichte B wurde hier einfacher realisiert: Es gibt im Unreif mehr Gewindebohrungen als Schrauben, und so kann man einzelne Schrauben auf dem Unruhreif versetzen, um die Temperaturabhängikeit zu beeinflussen. Sitzen die Schrauben weiter am Ende des bimetallischen Arms, passiert das gleiche wie beim entsprechenden Verschieben des Gewichts B weiter oben.

Irgendwann kam man durch Fortschritte in der Metallurgie auch ohne die teure bimetallische Unruh klar. Damit verloren die Schrauben sämtliche Funktionen. Aber die Menscheit hatte sich daran gewöhnt, daß eine gute Uhr eine Schrauben-Unruh hatte, also blieben die Schrauben - bei besonders teuren Uhren bis heute.

Immerhin, ein wenig praktisch waren sie doch: Eine Uhr ohne Stoßsicherung bekommt schon durch einen verhältnismäßig harmlosen Stoß einen Lagefehler von einigen Minuten. Den kann man durch Hinzufügen und Wegnehmen von Gewicht an der richtigen Stelle wieder korrigieren. Ohne Schrauben steht man vor der Situation des wackelnden Tisches: Siebenmal abgesägt und immer noch ist ein Bein zu kurz. Mit Schrauben hat man auch die Möglichkeit, Gewicht zuzufügen, etwa durch winzige Unterlegscheiben unter den Schrauben.

Kurzum, die Schrauben waren zwar im Prinzip sinnlos, aber doch irgendwie noch praktisch. Und so ist es kein Wunder, daß sie erst endgültig verschwanden, nachdem Uhren flächendeckend mit Stoßsicherungen versehen wurden. Da muß nach einem Stoß nix mehr ausgewuchtet werden, und der letzte kleine Sinn der Schrauben ging über die Wupper.

Gruß, Roland Ranfft



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Re: Schraubenunruh - Vor- und Nachteile?

Beitrag von Guntram » 01 Aug 2010, 15:29

Hochinteressant - vielen Dank, dass Du Dir die Mühe gemacht hast!

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Re: Schraubenunruh - Vor- und Nachteile?

Beitrag von o.v.e » 01 Aug 2010, 18:54

Roland Ranfft hat geschrieben:Moin Guntram,

das mit den Schrauben ist eine lange Geschichte.

...

Die Einstellmöglichkeit C lassen wir mal weg. Sie ist der ultimative Luxus und man sieht sowas so selten, daß man nicht wissen muß, wofür es gut ist.

...

Gruß, Roland Ranfft



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Roland, wir sind hier aber nun mal neugierig! Wat is'n dat nu wedder?
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Re: Schraubenunruh - Vor- und Nachteile?

Beitrag von Karlo » 01 Aug 2010, 20:58

Ein Anschlag fuer die Temperaturkompensation der Unruh.
Hier das Modell Nordpol, irgendwann muss mal Schluss sein mit schneller. :-)

Karlo
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Re: Schraubenunruh - Vor- und Nachteile?

Beitrag von Thomas H. Ernst » 01 Aug 2010, 23:14

Don Tomaso hat geschrieben:Moin Guntram, ich bin sicher kein Experte, aber so wie ich es verstehe, dienten diese Schrauben früher dem Auswuchten der Unruh, nicht der Reglage.
Jein.

Die Regulierschrauben dienten früher grundsätzlich zwei Zwecken:

1. I.d.R. 4 Stück davon dem Auswuchten inkl. Reglage, was sie teilweise auch heute noch tun.

2. Der Rest der Feinjustierung des Temperaturkoeffizienten der Bimetallunruh, was heute nichtmehr notwendig ist.
Grüsse Thomas
Euer Board-Admin

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Re: Schraubenunruh - Vor- und Nachteile?

Beitrag von Roland Ranfft » 02 Aug 2010, 02:52

Moin Kinnings,
o.v.e hat geschrieben:Roland, wir sind hier aber nun mal neugierig! Wat is'n dat nu wedder?
Es ist wirklich kompliziert, aber Karlo hat es ungefähr getroffen:
Karlo hat geschrieben:Ein Anschlag fuer die Temperaturkompensation der Unruh.
Hier das Modell Nordpol, irgendwann muss mal Schluss sein mit schneller.
Was man im Bild nicht sieht: Die Schraube bei C hat ein so feines Gewinde, daß die Kamera es nicht auflösen konnte. Und zwischen Ende der Schraube und dem Anschlag ist immer noch immer ein Spalt, den man im Bild aber wenigstens ahnen kann.

Leider ist weder die Temperaturabhängigkeit des Unruhsystems noch deren Komensation linear. Die Kompensation funktioniert nur in einem kleinen Temperaturbereich befriedigend. Bei zu hohen und zu niedrigen Temperaturen wird überkompensiert, also mehr als einem lieb ist.

Es gab viele Experimente solcher sog. Kompensationen zweiter Ordnung. Die hier gezeigte ist simpel und effizient: Statt zwei Schenkel wie üblich, hat die Unruh drei. Stellt man den Anschlag bei jedem der drei Schenkel auf verschiedene Temperaturen ein, kann man die Kompensation schrittweise um je ein Drittel reduzieren und so über einen sehr weiten Temperaturbereich die Kompensation optimieren.

Im Prinzip ginge das auch mit einer zweischenkligen Unruh, aber wenn sich hier nur die Hälfte des Reifs bei Temperaturerhöhung nach innen zieht, führt das zu einem nicht unerheblichen Lagefehler. Bei drei Schenkeln ist nicht nur dieser Lagefehler deutlich kleiner sondern auch der nutzbare Temperaturbereich deutlich größer. Noch mehr Schenkel wären zwar im Prinzip erstrebenswert, aber sehr kurze Schenkel müßten hauchdünn sein, um sich bei Temperaturänderungen ausreichend zu verformen (außerden wird's teuer).

So, wer bis jetzt noch nicht eingeschlafen ist, darf zur Belohnung das Werk von allen Seiten begucken....

Bild

Bild

Bild

....und dessen Beschreibung lesen:
http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db. ... anthony_19

Last not least: Nein, die großen runden Fenster unter der Unruh sind keine Bullaugen, also ist es auch kein Seechronometer, sondern nur ein kleiner mit 19'''.

Gruß, Roland Ranfft
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