in der heutigen Zeit ist die Uhrenbranche eine weitgehend von großen Konzernen dominierte, globale Industrie, in der nur noch wenig Raum bleibt für authentische, menschliche Momente. Das gilt für die Produktion ebenso wie für die Vermarktung - auch wenn gerade die Werbung oft etwas anderes suggeriert.
Eine der bekanntesten Kampagnen der letzten Jahrzehnte ist sicherlich die Patek-Werbung unter dem Slogan "Eine Patek gehört einem nie ganz allein. Man erfreut sich ein Leben lang an ihr, aber eigentlich bewahrt man sie schon für die nächste Generation". In der heutigen Flipper- und Investment-Zeit wirkt dieser Spruch ziemlich aus der Zeit gefallen - viele Uhren bleiben nicht wirklich lang in einer Hand und die emotionale Bindung ist ebenfalls oft überschaubar.
Und doch gibt es genau diese Momente - nicht nur bei Patek
Vergangene Woche ploppte eine Outlook-Erinnerung bei mir auf "100 Jahre IWC". Die Profis stutzen bei dieser Nachricht, wurde IWC doch 1868 gegründet und befindet sich damit schon im 157. Lebensjahr. Aber es geht hierbei auch nicht um die Firma, sondern um eine besondere Uhr:
Vor 100 Jahren kam diese IWC Taschenuhr in meine Familie. Der Stammbuchauszug nennt den 23.09.1925 als Verkaufsdatum, aber der heutige Besitzer von Stüwen & Spann in Ulm hatte mir mal mitgeteilt, dass die Firma nur ein Großhändler und der zentrale Vetriebspartner von IWC in Süddeutschland war. Es lässt sich deshalb nicht auf den Tag genau bestimmen, wann genau mein U(h)rgroßvater diese Uhr erstmals in Händen hielt. Es gab jedoch genau heute vor 100 Jahren einen runden Geburtstag - und der war vermutlich der Anlass für diesen Kauf.
Ein Jahrhundert ist eine lange Zeit. Das wird einem besonders klar, wenn man sich vor Augen führt, was diese Uhr alles "erlebt" hat: 1925 war gerade die Währungskrise überwunden, es gab eine (kurze) Phase der Hoffnung und Perspektive - wirtschaftlich wie politisch, wie mit dem Locarno-Abkommen des gleichen Jahres. Und doch wurde auch 1925 die Saat gelegt, für die größten Katastrophen der 1930er und 1940er Jahre.
Und das gilt auch für die Familie: Diese Uhr begleitete seinen Käufer auf Zeppelin-Flügen, durch den wirtschaftlichen Aufstieg, den Zusammenbruch der Weltwirtschaft bis in dunkle Zeiten nach 1933. Mit meinem Großvater überquerte sie den Atlantik, vor dem Krieg mit dem Schiff, danach mit den ersten Linienflügen. Sie wurde auch nicht verkauft, als alles ausgebombt war und man komplett bei Null wieder anfangen musste. Und sie erlebte das Wirtschaftswunder und den neuen Wohlstand. Mein Vater hat sie dann geerbt und als Erinnerungsstück in einer Schreibtischschublade verwahrt, wo ich sie Anfang der 1980er erstmals entdeckt hatte. Und seit gut 15 Jahren habe ich sie bei mir in der Sammlung.
Die Zeit hat Spuren hinterlassen, von denen manche mit Erinnerungen verbunden sind. Den Riss auf dem Email-Zifferblatt hat ein mäßig talentierte bayrischer Dorfuhrmacher in den 1950er Jahren verursacht (dessen Ladengeschäft mein Vater mir noch nach Jahrzehnten zeigen konnte, der Wutausbruch meines Opas hatte sich eingebrannt
Die fehlende Werkhalteschraube ist die Folge einer Revision Anfang des Jahrtausends, als mein Vater den dreifachen Verkehrswert der Uhr in einen Service investierte. Der trotz der fehlenden Schraube erfolgreich war, denn die Uhr läuft auch heute noch in der Chronometer-Norm
Diese Lepine-Taschenuhr ist vom Marktwert her ziemlich am unteren Rand meiner Sammlung. Sie ist auch technisch nichts wirklich Besonderes - das Werk ist solide, aber weder selten noch hochkomplex. Spektakulär ist die Optik auch nicht und das Gehäuse nur aus Silber und nicht Gold.
Trotzdem wäre das die letzte Uhr, die ich weggeben würde - und es ist die einzige, die wirklich unersetzbar ist. Und so wartet sie meist sicher verwahrt auf die nächste Generation, die sie zumindest schon mal in den Händen hatte und die Geschichte dazu erzählt bekommen hat.
Wird sie nochmal 100 jahre in der Familie bleiben? Und was wird dieses kommende jahrhundert an Herausforderungen und Erlebnissen mit sich bringen? Hoffen wir das Beste - und dass ihr und ihren zukünftigen Beseitzern zumindest die katastrophalen Phasen der letzten 100 Jahre erspart bleiben, und sie aber gleichermaßen fantastische Momente erleben können...
Gruß,
Christian